Was ist Glück - oder wie wir durch Tiefpunkt wachsen können

Warum alles zu haben, nicht glücklicher macht – eine kleine Geschichte

Eine Geschichte über eine Dame, die fast alles hatte und doch nicht glücklich war – bis sie lernte, auf sich selbst zu hören und dem nachzugehen, was ihrem Leben einen Sinn verlieh.

Es war einmal eine Dame, die mit Ende Dreißig bereits alles in ihrem Leben erreicht hatte, was sie wollte:

Ein Lottogewinn bescherte ihr einen großen Batzen Geld, wodurch sie ihren Job an den Nagel hängen, einmal um die Welt reisen, in ihre Schönheit investieren, ihr Traumhaus kaufen und gemeinsam mit ihrem Seelenverwandten den ganzen lieben langen Tag Nichtstun konnte.

Doch anders als sie, kündigte er seinen geliebten Job nicht, stand jeden Morgen früh auf und ging seinen gewohnten Routinen nach. „Wozu Nichtstun?“, sagte er häufig, wenn die Dame ihn verwundert fragte, warum er nicht einfach das Leben genoss. „Ich genieße es doch. Sehr sogar.“

Die Dame zuckte nur mit den Schultern, bereitete sich ihren Lieblingssaft und legte sich auf ihre Hängematte an ihren Pool.

Viele Wochen lebte sie wie der glücklichste Mensch auf Erden. Doch nach wenigen Monaten in der perfekten Idylle umgab die Dame ein Grau, das aus ihrem Innersten kam und sich durch kein Geld der Welt wegkaufen ließ.

Sie sah ihren wunderschönen Garten, doch sie konnte sich nicht an ihm erfreuen.

Sie bekam jeden Morgen ihr Lieblingsfrühstück, doch sie konnte es nicht mehr schmecken.

Sie schlief jeden Tag sehr lange, doch sie fühlte sich müder als je zuvor.

Und die teuren Hightech-Fitnessgeräte, die alle Arbeit für sie übernahmen und sie nicht mal zum Schwitzen brachten, machten ihren Körper zwar schlanker, doch sie fühlte sich unwohler als je zuvor.

Immer wieder dachte sie an ihre Wünsche, die sie einst hatte, als sie klein war, lange vor dem Lottogewinn. Und die sie nicht verfolgt hatte, weil die Zeit immer rarer wurde und die Träume mit ihr schwanden.

Doch jetzt, wo alle Zeit und alles Geld der Welt da war, konnte sie sich schlichtweg nicht mehr vorstellen, irgendetwas zu tun. Alles wurde ihr überdrüssig. Und damit haderte sie. Die Dame weinte nächtelang. „Was will ich bloß? Ich hab doch alles. Ich werde niemals glücklich sein können!“

Sie war wie gelähmt.

Niemand wusste, wie man ihr helfen sollte. Sie stritt sich mit ihrem Partner, ihren Freunden, ihren Verwandten. Sie konnte ihnen nicht mehr zuhören, nicht mehr für sie da sein, sie verglich sich mit ihnen und allen schöneren, reicheren Menschen.

Sie wurde neidisch, eifersüchtig und immer, immer wütender. Und langsam wandte sich jeder von ihr ab.

Nach Wochen der Trauer und des Grämens kam ein Zauberer und fragte: „Was möchtest du in deinem Leben? Was wünscht du dir wirklich?“ Die Dame antwortete unter Tränen: „Dass ich mich wieder freuen kann.“

Und so hexte der Zauberer das Konto auf ein Minimum leer, verwandelte das dreistöckige Haus in ein ebenerdiges, den Pool in eine kalte Freiluftdusche und den Garten in eine kleine Terrasse, die ganz verwildert war.

Die Dame war verärgert, tobte und brüllte, doch der Zauberer war so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

„Jetzt steh ich wieder ganz am Anfang. Alles geht schief“, dachte sie wütend und legte sich in ihr Bett. Aber nach einigen Stunden wurde ihr klar, dass sie sich etwas überlegen musste. Denn mit dem Geld, was sie nun noch zur Verfügung hatte, konnte sie gerade ein paar Monate über die Runden kommen.

Mühsam richtete sie sich auf und überlegte: Zurück in den alten Job? Nein, dachte sie. Denn sie war wirklich froh, ihrem garstigen Chef nicht mehr über den Weg laufen zu müssen und tagein tagaus eine Arbeit zu verrichten, die ihr absolut keinen Spaß machte.

Und so ging sie das erste Mal seit Monaten zu einem verstaubten Karton, der ganz hinten in ihrem (nun sehr kleinen) Kleiderschrank stand und kramte ihre Malbücher hervor. Sie betrachte ihre Aquarelle und spürte sofort ein Flimmern in ihrem Herzen, eine Aufregung, die sie so vermisst hatte.

Sie bereitete all ihr Equipment vor sich aus; den Malblock mit seinen dicken, rauen Seiten, die feinen Pinsel in jeglichen Formen und Größen, die Farben, die sie durch etwas Wasser zum fließen brachte. Und dann malte und malte sie und brachte ihre Wohnung zum Leuchten.

Langsam blieb ihr Freund wieder mehrere Abende unter der Woche Zuhause und genoss die Zeit mit ihr. Sie buddelten im Garten und kochten sich an kalten Abenden das Wasser auf, um sich eine heiße Dusche zu gönnen.

Die engsten Bekannten kamen auf einen Kaffee vorbei und schmiegten sich an ihre Freundin, die endlich wieder Liebe verströmte. Und auch die Familie bekam das Gefühl, nicht alles falsch zu machen.

Jetzt konnte sie sich ihr Lieblingsfrühstück zwar nicht mehr jeden Tag leisten, dafür zelebrierte sie sonntags ein Festmahl mit ihrem Liebsten.

Sie reiste nicht mehr jeden Monat, sondern ab und zu, wenn ihr der Sinn danach stand und sie genug Geld zusammengekratzt hatte.

Sie hatte gute Tage und auch mal schlechte, schöne Stunden und auch mal dunkle.

Aber sie versuchte sich so zu akzeptieren, wie sie war, fühlte und lebte – und ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen schrieb die Dame all die kleinen, schönen Dinge des Tages auf, die ihr ein wohliges Gefühl im Herzen bereitetet hatten:

  • Das Lächeln ihres Partners am Morgen
  • Der noch warme Croissant
  • Die aufmunternden Worte ihrer besten Freundin
  • Das neue Gemälde, das darauf wartete, mehr Form anzunehmen

Und die großen Dinge?

Das riesige Haus fehlte ihr nicht, denn der Zauberer hatte ihr all die wirklich wichtigen Möbel gelassen, die ihr am Herzen lagen – und der Raum dafür reichte vollkommen.

Den Pool vermisste sie auch nicht, denn sie spazierte nun jeden Morgen zum 2 km entfernten See und schwamm mehrere hundert Meter durch das dunkle, samtige Nass, was ihr viele neue Ideen für ihre Kreationen brachte.

Und dann malte sie, und malte sie, und dachte nicht mehr daran, Nichts zu tun, sondern nur daran, wie sie noch mehr tun konnte. Und zwar das, was ihrem Leben einen Sinn gab.


Meine Gedanken hinter dieser Geschichte

Diese Geschichte steht für etwas, das schon viele Studien bewiesen haben: Geld und/oder Nichtstun allein machen nicht glücklich. Aber hadern, ohne etwas zu verändern, auch nicht.

„Studien legen (…) nahe, dass sich das Streben nach Reichtum negativ auf unsere Lebenszufriedenheit auswirkt. Wer finanzielle Ziele als zentralen Ausgangspunkt seines Handelns definiert, macht sein Lebensglück zwingend von extrinsischer Motivation abhängig.

Laut der Selbstdeterminationstheorie, dem einflussreichsten Gedankengebäude der letzten 30 Jahre zur Frage, was Menschen im Kern antreibt, streben Menschen nach der Befriedigung von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen: erstens Bindung an andere Menschen, zweitens Kompetenzerleben und Selbstwirksamkeit, und drittens Autonomie.“ Quelle: Zeit.de

Ein tolles Video dazu

Bloggerin Conni Biesalski  (Planet Backpack) erzählt in ihrem Video, wie sie jahrelang auf das Ziel hinarbeitete, nur noch vier Stunden in der Woche arbeiten zu müssen. Und dann, als sie es endlich erreicht hatte, registrierte sie: Sie war nicht glücklicher als zuvor.

Und dann nutzte sie ihren (emotionalen) Tiefpunkt, um herauszufinden, was sie wirklich glücklich machen könnte:

Doch oft wollen wir schwierige Gefühle oder schwere Zeiten nicht dahaben und fühlen uns, als wäre die ganze Welt gegen uns. Also lassen wir diese Phase irgendwie über uns ergehen, verharren, hadern und bekommen das Gefühl, gefangen zu sein. Dabei können gerade emotionale Tiefs uns sehr deutlich sagen, was wir wirklich brauchen.

→Mehr dazu:  Wie du in 9 Schritten dein Tief überwinden kannst – und stärker hervorgehst

Und auch ich habe im vergangenen Herbst gespürt: Nur zu reisen und zu entspannen, und das an den schönsten Orten der Welt, schenkt mir kein erfülltes Leben. Jedenfalls nicht auf Knopfdruck und nicht langfristig.

Weil ich irgendwann so entspannt war, dass ich nicht mehr entspannen musste. Weil ich mich ans Reisen gewöhnt hatte und das Urlaubsgefühl nicht auftauchen wollte. Weil Ideen in mir kribbelten, die Lust auf neue Herausforderungen, ich mich nach Routinen sehnte und danach, zu arbeiten.

Erst verwirrte mich diese neue Empfindung, doch irgendwann stoppte ich das Gedankenkarussel, traf eine Entscheidung und begann, auf Bali intensiv an meinen Projekten zu arbeiten.

Und jetzt bin ich sehr dankbar: Was für eine tolle Erkenntnis, zu wissen, dass man nicht alles haben oder ein perfektes Bilderbuch-Leben führen muss (anstrengend!), um glücklich zu sein. Im Gegenteil.

Es geht nicht um Alles oder Nichts, nicht darum, sich zwischen zwei Extremen zu entscheiden, darum, nur zu arbeiten oder nur zu chillen.

Es geht darum, auf sein Herz zu hören und Dinge, die einen stören, zu verändern, ohne alles aufgeben zu müssen, was einem wichtig ist.

Ich freue mich total, wenn du deine Erfahrungen mit mir teilst. Gern hier in den Kommentaren, per Mail oder via Facebook Nachricht.

Hugs, Sina <3

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