Dazwischenland – Weil Alles oder Nichts uns nicht weiterbringt

Mit der Zeit verändern wir uns, schlagen neue Wege ein. Vielleicht lernen wir inspirierende Menschen kennen, vielleicht keimt eine Idee in uns auf, ein Wunsch, ein lang verhüllter Traum. Und manchmal haben wir dann das Gefühl, dass das „alte“ Leben mit „alten“ Gefühlen, Gedanken und Gewohnheiten da nicht reinpasst, dass wir uns irgendwie entscheiden müssten. Das kann verwirrend sein, sich schwierig anfühlen, Druck auslösen. Dies ist ein Text für alle, die glauben, irgendwer oder irgendwie oder irgendwo sein zu müssen.

Heute war ich in Indien, China, im Orient und irgendwo in der Zukunft. Das alles ist Singapur. Ein Staat, in dem ganz Asien zu leben scheint, ein Schmelztiegel der Kulturen. Auf den ersten Blick sympathisch, aufregend, harmonisch.

Und endlich wieder Klimaanlagen, Trinkwasser aus der Leitung, ein geordnetes Leben, so modern, so schön.

Auf den zweiten Blick sind da die Gesetze, diese krassen Vorschriften, Einreisebestimmungen und Reglementierungen, die nicht vorhandene Pressefreiheit, diese Atmosphäre in der Downtown, die geschwängert ist von Konsum und Prestige, von Karriere und Schönheit, von Nochmehr und Zuviel.

Diese Stadt ist verwirrend, sie stellt mich auf die Probe. Ich bin fasziniert von ihr, doch in meinem Innern wird irgendwas ganz schief – und im Grunde weiß ich, dass es nicht die Stadt ist, die das mit mir macht, sondern dass ich es selbst bin.

Kontraste

Ich komme aus meiner dreimonatigen Thailand- und Laos-Reise. Drei Monate, in denen wir keinen Flieger bestiegen haben und sehr auf das Geld geachtet haben.

Drei Monate (fast) ohne Ganzkörperspiegel, Schminke oder Shoppen, viele Nächte ohne Strom in der Hütte, wenig Komfort und doch so viel. Ganze zwei Mal war ich in einem großen Supermarkt einkaufen, sonst nur in Tante-Emma-Läden.

Konsum? Pah. Brauch ich nicht.

Am Anfang habe ich die ganzen Malls hier in Singapur also nur belächelt, glaubte gegen Werbung und Schaufenster immun zu sein. Doch nach kurzer Zeit merkte ich, wie mich etwas genau dorthin zog, wo ich glaubte, nicht (mehr) zu sein.

Shoppen, Geld verdienen, Karriere, „was werden“.

Auf einmal sah ich mich wieder im gläsernen Büro sitzen, wichtige Anrufe tätigen, noch wichtigere Texte schreiben. Neben mir ein Flat White.

In mir schreit etwas „NEIN“ – und gleichzeitig „ICH WILL ABER“!

Das Denken im Schwarz/Weiß

Dieser Konflikt bringt mich zum Nachdenken, denn er zeigt mir:

Wir sind nie ganz frei von dem, was wir erlebt, gedacht und gefühlt haben, so gern wir das manchmal auch wollen. Und genau das ist das Problem – bzw. genau so kann das Ganze zu einem Problem werden: Man will einen großen Teil von sich selbst nicht da haben.

Bei mir heißt das: Schule, Ausbildung, Studium, Karriere – Schnitt, alles auf Anfang, alles auf Abbruch? Nein so geht das nicht, vielleicht für manche, aber nicht für mich.

Zugegeben, es wäre ja toll gewesen, irgendwo an einem verlassenen Strand einfach ein Hüttchen zu bauen und sich dort niederzulassen – ich sag niemals nie, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt.

Und trotzdem gibt es auch kein geradliniges Zurück, dafür bin ich zu weit gegangen.

Muss ich mich jetzt entscheiden? Nein! Nur herausfinden, was ICH bin und will

Und so merke ich, dass ich trotz all der „Freiheitsliebe“ schöne Routinen und eine gewisse Struktur brauche.

Wie ich es liebe, zu reisen, neue Eindrücke zu sammeln und in den Tag hineinzuleben – mit dem Flow gehen, um der Zeit nicht mehr so eine krasse Bedeutung beizumessen. Aber gleichzeitig auch arbeiten möchte, kreativ sein, meine Ideen verwirklichen, Gutes tun. Ich möchte lernen, mich interessieren, weitergehen, Herausforderungen meistern und mich selbst dabei beobachten.

Mir tut es gut, minimalistisch zu leben. – und trotzdem gibt mir unsere Wohnung so viel, mit Möbeln und Bildern, die mir etwas bedeuten. Und ich mag Klamotten, die zu mir passen, in denen ich mich wohl fühle.

Alles ein einziger Widerspruch?

Ich denke nicht. Ich bin nur im Dazwischenland, ein Land, in dem alles möglich ist, wenn man sich nicht durch Mauern aus Müssen und Sollen und Alles oder Nichts und Schwarz oder Weiß begrenzen lässt.

Ich erzähle euch das heute, weil so viele Menschen verschiedene Seiten in sich haben, die sich scheinbar in die Quere kommen und nicht zueinander passen.

Dann frohlockt es innerlich an dem einen Tag, und brodelt und rumort an dem anderen.

Wer bin ich denn jetzt? Was will ich denn jetzt?

Ätzend kann das sein, bäh, verwirrend. Und so liegt es nahe, der Suche nach der Antwort lieber aus dem Weg zu gehen, sich zu betäuben, zu vergleichen, nicht das Klopfen zu sehen oder zu hören, das uns warnt – und alles wird schwieriger. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann.

Weil wir dadurch von uns abrücken und einen Teil von uns wegsperren, den, den wir nicht wollen.

Oft machen wir weiter wie gehabt oder brechen alles ab und laufen weg – und werden dadurch nicht selten unglücklich, verbittert oder krank. Doch wenn etwas in Bewegung ist, können wir nicht mehr verharren – und auch nicht nur laufen.

Dabei liegt die Antwort, die wir suchen, direkt vor uns: Wir sind all das. Wir sind vielschichtig. Jeder von uns hat verschiedene Seiten in sich, Bedürfnisse, die sich stetig verändern, mal stärker sind, mal schwächer. Und jedes davon will erst einmal gehört werden, etwas sagen dürfen.

Was machen die anderen so?

Und ums noch komplizierter zu machen, gibt diese unendlich vielen Möglichkeiten, die uns jeden Tag präsentiert werden. Dinge und Menschen, von denen wir uns beeinflusst fühlen, die uns (indirekt) sagen, wie wir unser Leben, unsere Freizeit, unsere Arbeit gestalten könnten, müssten, sollten.

Und manchmal verlieren wir uns dadurch noch einmal mehr, gerade dann, wenn wir eh etwas zweifelnd unterwegs sind. Wir werden unruhig, ziehen die Decke über den Kopf oder rennen durch die Kante, irgendwem oder irgendwas hinterher, immer weiter weg von der Realität und von uns.

Raus aus dem Takt

Doch weglaufen oder verharren geht auch nicht (immer). Im Grunde wissen wir genau, was wir wollen und was uns gut tut.

Wir müssen nur hinhören, immer wieder, und aufhören zu denken, dass wir bei etwas bleiben oder etwas verfolgen müssten, nur weil wir uns einmal dafür entschieden haben.

Mitgehangen mitgefangen oder Komplettabbruch in jeglichen Bereichen? Jein. Es gibt auch ein Dazwischen. Das müssen wir nur zulassen.

Ein Leben im UND, ein Leben zwischen den Extremen

Lasst euch ruhig aus dem Takt bringen, denn das sind wir im Grunde doch nie. Nie gleichförmig, berechenbar, selbst wenn scheinbar alles gleich bleibt.

Unsere Gefühle verändern sich, ständig, genau wie unsere Werte und unser Blick auf die Welt.

Meines Erachtens ist es deshalb sogar sehr wichtig für unsere Entwicklung, dass wir den Fokus mal verlieren und einfach auf unser Herz und unseren Bauch vertrauen – ohne all das fallen zu lassen, was uns eigentlich noch gut tut.

Denn es gibt immer ein Dazwischen und das ist auch gut so.


Anmerkung:

Vielleicht ist dieser Text noch nicht ganz rund, lässt Fragezeichen offen, doch ich hoffe, ihr konntet euch an der einen oder anderen Stelle, an dem einen oder anderen Konflikt wiederfinden. Ich glaube, dass Fragezeichen an dieser Stelle genau richtig sind – denn eine Anleitung für das „normale, geradlinige“ Leben wird es nicht geben. Auch ich befinde mich im Wandel, bin mal hier, mal da, mal näher bei mir selbst, mal drei Schritte entfernt. Doch am Ende ist das der Schlüssel, denke ich: Bei sich bleiben, mit ganz viel Mitgefühl, auch wenn alles schwierig erscheint und zulassen, dass es immer ein UND gibt. 

Habt ihr etwas in die Richtung erlebt, befindet ihr euch dazwischen? Ich freue mich über eure Kommentare und Gedanken, Sina

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